Wozu braucht mann einen Hund?

Zum diesjährigen „Tag des Hundes“ erhielt ich den Auftrag, einen Bericht über das Kieler Tierheim zu schreiben. Scheinbar qualifizierten mich die für mich so typische männlich-markante Härte und Eiskaltigkeit besonders, ein üblicherweise „gefühlsbelegtes“ Thema rational zu erfassen und sachlich widerzugeben. Frauen können sowas ja nicht.

Mein erster Schritt diente mehr der allgemeinen Orientierung: Ich sah mir die Homepage des Tierheims an und blätterte durch die Bilder. Eines war dabei, das besonders nachdrücklich auf mich wirkte, aber diesen Eindruck schüttelte ich dann schnell ab.

Obwohl … Da „Hund“ das Thema war, könnte ich ja auch gleich diesen ins Zentrum meiner Überlegungen stellen. Und so blätterte ich zurück. „Mina“ war nicht nur eine Rüdin sondern auch ein reinrassiger Mischlingshund – überwiegend eigenwillig. Zumindest das klang interessant. Ich nahm mir vor, sie mir zu merken.

Komisch nur, dass ich nachts nicht schlafen konnte. Mein Unterbewusstsein schob mir immer wieder ihr Bild vor das innere Auge, um mich damit – spirituell gesehen – von der Auseinandersetzung mit einem meiner innersten Probleme abzulenken. Wenn ich nur wüsste, von welchem.

So passierte es auch in der zweiten und in der darauffolgenden Nacht. So machte ich mich denn schlaftrunken auf ins Tierheim, um einen Interviewtermin zu vereinbaren und informativ vielleicht auch einen Blick auf den Hund.

Tatsächlich führte mich jemand zu ihrem Zwinger, im Auslauf konnte ich sie mir angucken und ich fand nichts Besonderes an ihr. So schnell war das Thema also erledigt. Dennoch willigte ich auf einen begleitenden Spaziergang ein, den ein Tierpfleger mir anbot, um eventuell Impulse für meinen Beitrag zu finden.

Wie schon erwartet war es total langweilig, Tierpfleger nebst Hund auf diesem Spaziergang zu beobachten – und das musste der arme Kerl jeden Tag machen. Zu seiner Entlastung willigte ich ein, am nächsten Tag diesen Spaziergang mit Mina selbst durchzuführen.

An meinen Schlafstörungen änderte das jedoch nichts.

Der erste Spaziergang allerdings überzeugte mich gründlich von Nutzen und Effektivität eines Hundes. Ich hatte es offensichtlich mit einem überaus talentierten Spürhund zu tun. Tatsächlich gab es nicht eine Wurstverpackung am Wegesrand, die der Hund nicht fand – so alt sie auch sein mochte. Das war enorm. Begegnete mir der Hund doch anfangs völlig unverbindlich (ich hatte erwartet, dass er sich freut), konnte ich die Konzentration auf seine wesentliche Aufgabe nun gut akzeptieren.

Abträglich empfand ich es allerdings, wieviel Schmutz ein solches Tier mit sich bringt. Schon nach dem vierten Hundespaziergang war mein guter, schwarzer Kapuzenpullover voller heller Hundehaare. Dennoch entschloss ich mich, das Wesen eines Hundes ergründen zu wollen und zu beginnen, bewusst und ernsthaft mit ihm umzugehen.

Zum Einstieg besorgte ich mir das „Handbuch für den pädagogisch interessierten Hundehalter“ und erstand für kleines Geld bei ebay eine Hundepeitsche. Ich wollte mehr erfahren über diesen „Dackelblick“, vor dem mich jedermann warnte. Und so war ich natürlich gewappnet, als der mir das erstemal begegnete. Allerdings war ich noch nicht erfahren genug, und als sie diesen Blick steigerte, indem sie sich hinsetzte und treu zu mir aufschaute, war ich tatsächlich zunächst ein wenig ratlos. Als sie dann aber noch den Kopf schief legte, verwarf ich jeden rationalen Gedanken an die Hundepeitsche.

Ich fühlte mich selbst hilflos und völlig aufgelöst in dem Moment und suchte das Gespräch mit meiner Freundin in aller Offenheit. „Mein Schatz, du bist verliebt“, war ihre lachende Antwort auf meine Schilderungen.

Frauen verstehen halt nichts von Hunden …

 

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Die Sache mit dem Kopftuchverbot

BildDie AfD zeichnet sich ja durch prickelnde, unkonventionelle Ideen aus, die allesamt kaum ernstgemeint sein können, aber für Diskussionsstoff in der breiten Bevölkerung sorgen – wobei manchmal auch Nüchterne sich angesprochen fühlen.

Üblicherweise begegne ich deren Thesen  mit einem Schulterzucken, weil ich die Rückkehr ins Kaiserreich für nicht besonders erstrebend halte. Aber nun hab‘ ich mich das erste Mal ernsthaft mit einer ihrer kruden Ideen auseinander gesetzt: Mit dem Kopdftuchverbot.

Obwohl es im Ansatz diskriminierend erscheint,  betrifft mich das Thema nicht wirklich, weil ich ein Mann bin und als solcher schon tendenziell zu Hüten neige (ich selbst trage beim Autofahren stets ein olivgrünen Cordhut). Und so wäre ich auch beinahe sorglos an diesem Thema vorbeigegangen, wenn mir nicht heute morgen beim Aufwachen Rotkäppchen durch den Kopf geschossen wäre. Munter hüpfte sie mit ihrem Körbchen und einem roten Kopftuch Richtung Großmutter, kurz bevor ich erwachte. Und dann sah ich sie – aktuell und modern – vor meinem geistigen Auge: gewandet in eine blümchengemusterte Kittelschürze, auf dem Kopf meinen grünen Cordhut …

Aber auch ein konstruktives Umdenken trieb mich zunehmend in eine depressive Phase. Ich stellte sie mir mit einem Fahrradhelm vor oder einem Strohhut. Irgendwie steckte dahinter nicht mehr Rotkäppchen so, wie ich sie kenne und liebe.

Nun ist mir natürlich klar, dass sich das Kopftuchverbot (wahrscheinlich) nicht auf die Vergangenheit ausweiten lässt. Aber auch aktuell würde mir persönlich – glaube ich – viel verloren gehen. Die Sennerin zum Beispiel, die mit der Sense in der Hand strahlenden Auges jodelnd ins sonnendurchflutete Tal hinunterschaut, wäre Geschichte. Vor Augen hätten wir überwachungskameragebflasterte Almen, die uns den bayrischen Alltag grau erscheinen lassen würden.

Die Piraten verlören ein Sympol ihre unbändigen Freiheitswillens. Und mal ehrlich: Wie würde Käpt’n Sparrow mit Cordhut aussehen?

Auch die Ninjas wären betroffen, die fast martialisch wirken mit ihren schwarzen Kopftüchern auf der Nase. Im Norden würde die Fischerin Legende werden, die am sturmgepeitschten Gestade stehend mit dem flatternden Kopftuch dem geliebten von See Kommenden sehnsuchtsvoll den Heimweg weist. Der Motorradfahrer hätte eine dicke Mückenschicht auf den Zähnen, und meine Oma müßte immer einen Eimer mit herumschleppen, weil sie auf Spaziergängen gerne mal die Früchte, die sie am Wegesrand erspäht, im mitgenommenen Kopftuch sammelt.

Naja, sie könnte den Eimer ja auch aufm Kopf …

 

Irgendwie scheint mir die Idee mit dem Kopftuchverbot noch nicht wirklich ausgegoren. Ein Verbot des Kopftuchverbotes halte ich zunehmend für sinnvoller. 

„Nur“ ein Lächeln?

Es ist komisch, schon oft habe ich mir Gedanken über das Lächeln gemacht. Lächeln – ein Begriff, mit dem wir eigentlich immer Wärme verbinden. Dabei kann ein Lächeln vielfältig Gefühle von der Unverbindlichkeit bis zum Hass ausdrücken. Oder wie kann man sich das Lächeln eines Bankbeamten liebevoll vorstellen – oder das einer betrogenen Frau…?

Lächeln ist Ausdruck der Seele, so empfinde ich es. Keine Sache des Mundes. Wirkliches Lächeln kommt von innen. Manchmal spürt man es nur, ohne dass man sein Gegenüber sehen muss. Manchmal ist es offensichtlich. So zum Beispiel im Blick einer Mutter, die ihr Kind eigentlich tadeln sollte. Oder man sieht’s Vertrauen erweckend in den Augen des Geliebten; nachsichtig aus denen eines alten, weisen Menschen…

Mir ist, als würden nur kluge Menschen lächeln können. Menschen, die „wissen“, Menschen, die erlebt haben, Menschen, die träumen. Es steckt Kraft in deren Lächeln, die Kraft zu berühren.

Ich freu‘ mich darüber, dass auch ich lächeln kann. Und dass ich berühre damit. Im Alltag diesen oder jenen Blick wirklich lächelnd erwidern zu können ist ein gutes Gefühl. So stärkt das Lächeln anderer und das eigene gleichermaßen. Und fast lachend denke ich an ein ganz bestimmtes Lächeln, das mich nur durch das Erinnern zum Lächeln bringt.

Spürst du’s?

Schreibblockade

Manchmal ist Schreiben richtig leicht. Manchmal aber überhaupt nicht. Schwierig sind Zeiten, in denen man schreiben möchte, es aber nicht kann, weil schlicht Ideen fehlen.

Es gibt verschiedene Hilfsmittel, sich selbst ins Schreiben hinein zu führen. Es gibt Autoren, die schwören darauf, einen Moment überlegend in der Nase zu bohren. Andere gibt’s, die warten einfach weil sie sicher sind, dass wieder was kommt. Ich selbst bin ein Verfechter des Freewriting – sich hinsetzen und einfach das zu schreiben, was den Kopf durchströmt, so unsinnig das auch ist, was man da zusammenschreibt. Aber es kann in einen Beginn führen.

Nur heute klappt das irgendwie nicht. Auch nicht, nachdem ich dass Freewriting schon nach dem Free ohne jegliches Writing abgebrochen habe und nun ein Zwangsthema beginnen will: „Herbst“.

Und nun sitze ich hier schon seit einer halben Stunde vor meinem Rechner, und es tut sich nix. Ich schaue auf den Monitor: ein weißes Blatt Word mit nichts drauf. Ich schaue aus dem Fenster, aber auch da tut sich nichts. Außer dass es windig ist. Doch das ist normal um diese Jahreszeit. Wir haben Sturmflutwarnung hier an der Küste, und da gibt’s den Wind kostenlos mit dazu. Und Regen. Ohauehaueha! Regen wie eine Wand aus tiefschwarzen, fetten Wolken. Dicke Tropfen, die fast waagerecht gegen mein Fenster knallen und es mit einem Wasserfilm bedecken, der den Baum gegenüber merkwürdig verzogen wiedergibt.

Trotzdem ist er ganz gut zu sehen, der Baum. Seine goldenen Blätter strahlen durch das windige Grau zu mir herüber. Aber die Natur zerrt heftig an seinem Kleid. Mit jedem Windstoß muss er sich von ein paar seiner Blätter trennen.

Schmunzeln muss ich, als jetzt ein übergestülpter Regenschirm zwischen Fenster und Baum vorbeifliegt. Da ist sicher wieder ein Bayer zu Besuch hier oben im Norden …

Aber zum Thema Herbst fällt mir immer noch nix ein. Ob ich es übertrage auf „Herbst des Lebens“? Aber das verlangt ja nach noch mehr Nachdenken. Womöglich muss man mit Erfahrungen um sich schmeißen. Oder mit Weisheiten gar. Nee … mir ist eher nach etwas Lockerem, Kurzweiligem. Wenn jetzt noch eine Idee käme, könnte ich sofort loslegen.

Aber sie kommt nicht, die Idee. Muss jetzt aber auch noch warten, denn es hält mit Blaulicht die Feuerwehr gegenüber. Die Straße wird abgesperrt und eine Leiter ausgefahren, die einer der Feuerwehrmänner mit einer Kettensäge besteigt.

Aha, einer der Äste scheint morsch zu sein. Jedenfalls wird an ihm so lange herumgesägt bis er fällt. Erstaunlich, dass der Feuerwehrmann auf der wackeligen Leiter sich bei diesem Sturm einhändig so festhalten kann, dass er mit der anderen Hand die Säge bedient. „Hut ab“, kann man da nur sagen. Es dauert eine ganze Zeit, bis der dicke Ast, der auf den Gehweg geplumpst ist, in kleine Stücke zersägt wurde und abtransportiert werden konnte. Fast zwei Stunden hab’ ich nun zugeguckt, bis alles aufgeräumt ist.

Nun ist’s wieder ruhig und alles wie vorher. Der lausige Wind, der Baum gegenüber mit zunehmend weniger Blättern, das Wasser auf den Fensterscheiben. Nur der Regenschirm kommt nicht mehr vorbei.

Es ist Zeit für einen heißen Kaffee. Der belebt. Und vielleicht hilft er mir ja bei der Suche nach einer Idee zum Thema „Herbst“. Und wenn das nicht klappt, lass’ ich’s halt. Es wird schon wieder werden …

Brigidde

Sie schätzt es gar nicht, wenn ich ihren Namen mit Doppelt-D spreche. „Ich heiße Brigitte!“ pflegt sie dann immer zu sagen, wobei sie das Doppelt-T so spricht, wie der Engländer das kurze T in „to“. Und das E, das bei mir tendenziell zum Ä neigt, spricht sie genauso kurz. Und total blasiert.
Für Brigidde bin ich „nur“ ein Mann. Und Männer sind Schweine. Naja, nicht alle. Ihr Fredi ist die wohl einzige Ausnahme. Den liebt sie. Und obwohl Brigidde behauptet, emanzipiert zu sein, trägt sie ihm die Puschen sogar ins Büro hinterher. Sozusagen. Sie ist in ihrer Emanzipation halt ein wenig widersprüchlich.
Ich trag ihr das jedoch nicht nach. Sie wird’s nie merken, weil sie – spirituell gesehen – total über den Dingen steht. Und außerdem hab’ ich ein bisschen Mitleid mit ihr. Denn sie hat einen Bart. Ihr zuliebe erwähne ich den nie, aber angucken – so, dass sie’s sieht – muss ich ihn manchmal schon. Ich werde dann stets ganz fröhlich. Mit Schuldkomlexen allerdings. Weil der Fredi, der muss ja mit ihr ins Bett, und das stell’ ich mir furchtbar vor.
Im Grunde ist er ein cooler Typ. Er kann „La Paloma“ ins Badewasser pupsen, behauptet er. Sowas beeindruckt natürlich, und weil ich ihn kenne, glaube ich es ihm aufs Wort. Ich hab’ mich allerdings noch nie getraut ihn zu fragen, ob er Brigidde schon mal vorgetragen hat. Interessieren würd’s mich aber wirklich.
Manchmal gehen Fredi und ich ein Bier trinken. Einfach nur so. Aber ich bewundere ihn stets dafür, dass er’s tut. Während meine Frau sich freut, wenn ich mal losgehe, „Mach’mal, Schatz, ich geh’ dann zu Brigitte rüber“, muss Fredi schon ein paar Tage vorher darauf hinarbeiten, weil: „Zu Hause ist es doch auch ganz gemütlich – und guck mal in den Kühlschrank, ich hab’ dir Bier gekauft!“ Er hat’s wirklich nicht leicht.
Meine Herzallerliebste nennt mich Hasi. Brigidde nennt mich Schowi. Keine Ahnung, wie sie darauf kommt. Aber ich bin sicher, sie meint‘s nicht intim. Dafür mögen wir uns zu wenig. Und wir verstehen uns auch nicht – jedenfalls versteht sie mich nicht. Erst letztens hab‘ ich ihr erklärt, wie schädlich ihre Biokost ist. Da ist nix mehr drin, wogegen der Körper kämpfen kann oder muss, und so wird man leichter krank. Wegen Bio. Sollte man nicht denken, das, aber Brigidde ist ein gutes Beispiel dafür. Fast regelmäßig plagt sie sich mit Mensturbationsbeschwerden. Ich glaube sogar, jeden Monat. Meine Herzallerliebste muss sich das dann immer anhören. Aber Brigidde lernt da nix draus. Mir würd‘s ja zu denken geben, wenn ich jeden Monat was hätte, Schnupfen oder so. Aber Brigidde jammert weiter, anstatt die Ernährung umzustellen und mal zu gucken. Mir jedenfalls geht‘s gut. Auch – oder gerade wegen „ohne Bio“.
Es ist mir sowieso ein Rätsel, welche Erweiterung Briggiddes „Ich bin öko…“ erfährt. -nomisch oder -menisch wäre möglich. -logisch ist sie nicht, denn sie rauch wie ein Schlot. Aber so massiv, wie sie stets behauptet, es zu sein, führt mich immer nur zu einer einzigen Möglichkeit: ökomanisch. Naja …
Mein alter Feldwebel – damals, bei der Bundeswehr – pflegte zu sagen, bei einem Anschiss solle man sich den Vorgesetzten in Unterwäsche vorstellen. So mach‘ ich das mit Brigidde. Wenn sie sich mal wieder echauffiert über mich, dann sehe ich sie nackig vor meinem geistigen Auge. Nackt, nur mit einem kleinen Biohöschen bekleidet. Und sie wundert sich jedes Mal, dass ich grinse. So wie gestern wieder, an unserem gemeinsamen Kanasterabend. Fredi kleckert und krümelt immer so‘n bisschen, wenn er isst oder trinkt. Er meint‘s nicht böse. Und gestern prangte dann auch plötzlich ein Schokoladenfleck auf Brigiddes Sofakissen. „Wo kommt der denn her?“, ihre indignierte Frage – mit Blick auf mich (keine Ahnung, warum sie immer mich bei sowas anguckt). Jedenfalls zeigte sie sich lamentierend erschüttert, bis ich aufstand und das Kissen umdrehte. Da war sie baff. In praktischer Hinsicht hat sie noch einiges zu lernen.
Auch in filosofischer Hinsicht. Die Sache mit dem Sofakissen hat ihr ja nun nicht gezeigt, dass jedes Ding zwei Seiten hat. Meine Liebste sieht mich anders als sie es tut. Das sollte ihr zu denken geben. Und Fredi ist nicht der, den sie in ihm sieht. Ich finde ihn ganz „normal“ und sie ihn als etwas Besonderes. Dabei ist er nur einzigartig. Ich mag ihn sehr. Aber das wollte ich gar nicht sagen. Denn da ist ja noch die Sache mit dem Klodeckel, die erklärt werden muss. Man redet da sonst ja nicht drüber.
Also ich klappe den Klodeckel grundsätzlich hoch. Meine Liebste hat mich zwar vom Sitzpinkeln überzeugt (würde Fredi nie machen), aber wenn sie den offenen Klodeckel findet, klappt sie ihn stets kopfschüttelnd hinunter. Für mich ist das wie ein Spiel. Ich weiß, dass es sie nervt, aber sie sieht dadurch jedesmal, dass ich „bin“ – wenn ich nicht „wäre“, würde sie‘s vermissen. Genauso sehe ich meine Verpflichtung, entsorgte Socken weiträumig um den Wäschekorb zu verstreuen. So hat sie mich immer „bei sich“. Ich lieb‘ sie ja schließlich auch wegen ihrer Eigenheiten.
Brigidde sieht das so nicht. Auch Fredi klappt den Klodeckel nie runter (und pinkelt sogar im Stehen), seine Socken liegen rum und jede Tür bleibt offen. Aber Brigidde übersieht das, anstatt es mit Liebe zu sehen.
Wie gesagt, sie hat noch viel zu lernen.
Filosofisch gesehen.

Seelenvogel

Hast du ihn schon mal gesehen, deinen Seelenvogel? Meinen sehe ich oft; er sitzt auf meiner Schulter, oder er kreist hoch über mir unter dem blauen Himmel. Manchmal ist er dann nur als ein kleiner Punkt zu erkennen. Und wenn ich ihn mal überhaupt nicht sehen kann, höre ich an seinem Schrei, dass er über mir ist.

Es ist ein merkwürdiges Ding mit diesem Vogel. Ich weiß nicht, ob ich ihn wegen seiner Buntheit mit einem Papagei vergleichen soll oder mit einem Falken ob seiner Flugeigenschaften. Die Ironie treibt mich sogar zum Vergleich mit einem Chamäleon. Denn es gab Zeiten, da erschien mein Seelenvogel mir schwarz wie eine Krähe oder gar als ein gerupftes Huhn.

Damals hätte ich ihn gerne umgetauscht. Aber irgendwie geht das nicht, seine Treue ist nicht auf andere Menschen übertragbar. Also musste ich erst lernen, mich mit ihm abzufinden und dann, mit ihm umzugehen.

Als ich ihn das erste Mal bemerkte, saß er in einem Käfig auf dem Boden in der hintersten, dunkelsten Ecke. Schwarz erschien das Gefieder und stumpf, und die Flügel hingen ihm an den Seiten hinab. Traurig schaute mein Seelenvogel mich durch die Gitterstäbe an, kraftlos wirkte er dabei. Mit ein paar leckeren Brocken, die ich ihm vorwarf, versuchte ich zwar, ihn zu Kräften zu bringen, aber wir beide hatten wohl verschiedene Vorstellungen von dem, was ihm schmecken würde.

Die erste Veränderung in seinem Verhalten bemerkte ich, als ich einmal die Käfigtür öffnete. Es schien mir, als würde er aufmerksamer blicken – irgendwie wacher als sonst. Als ich dann bei geöffneter Tür ein paar Schritte zurück trat, schien seine Haltung sich zu straffen. Als ich die Käfigtür wieder schloss, sackte er in seiner Ecke wieder in sich zusammen. Ich vermutete, er wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, mir zu entwischen, der Schlingel.

Doch so, wie er da saß, konnte es auch nicht weiter gehen. Umso mehr ich ihn wahr nahm, desto mehr tat er mir leid, der arme Kerl. Eines Tages beschloss ich deshalb, mich von ihm zu verabschieden. Irgendwie hatte ich ja so gar nichts von ihm. Also ließ ich die Käfigtür offen und zog mich von seinem Gefängnis so weit zurück, dass ich’s gerade noch beobachten konnte.

Diesmal hatte ich nicht nur das Gefühl, er würde sich straffen, sondern ich sah es ganz deutlich. Langsam tastete er sich an die offene Tür heran und hüpfte dann mit einem Satz auf die kleine Stange, die als eine Art Schwelle davor befestigt war. Dort traf ihn das erste Mal das Sonnenlicht, und ich erkannte, dass er gar nicht schwarz war, sondern ein buntes Gefieder hatte. Es glänzte zwar nicht und tendierte ein wenig ins Grau, doch die Farbigkeit war nicht mehr zu übersehen.

Sein erster Flugversuch endete beinahe schon so 15 Zentimeter vom Käfig entfernt in einer Bauchlandung. Aber nur fast – irgendwie schaffte er es dann doch, mit aufgeregtem Flügelschlag der Kollision mit dem Boden zu entgehen, höher in die Luft zu steigen und sich aus meinem Sichtfeld zu entfernen.

Ich saß einfach da, und ließ meine Gedanken mit ihm fliegen…

Baff erstaunt sah ich etwas später, dass er zurück kam. Punktgenau landete er auf seiner Stange. Er schien sehr außer Atem. Das Gefieder war ein wenig zerzaust, in seinem kleinen Brustkorb sah ich das Herz bullern, und pfeifend vernahm ich seinen durch den Schnabel gepressten Atem.

An diesem Tag ließ ich die Käfigtür offen. Und auch an jedem folgenden Tag. Mir gefiel die Veränderung, die ich an meinem Seelenvogel beobachten konnte. Mehr und mehr begann sein Gefieder samten zu leuchten, und irgendwann sang er sogar – ich hatte den Eindruck, es wäre für mich.

Seit ich ihn fliegen lassen kann, meinen Seelenvogel, macht es mir Spaß, mich daran zu erfreuen, dass er lebt – dass er ist. Die Freude darüber hat die Angst vertrieben, ihn zu verlieren. Und es ist ein echt gutes Gefühl, mit einem solchen Seelenvogel zu leben.

Schau mal, wie er fliegt …

Das Candlelight-Dinner

oder: Versteh‘ einer die Frauen

 

Ich muss ja zugeben, dass man es peinlich finden kann, in fast 30 Jahren nicht einmal an den Hochzeitstag gedacht zu haben. Naja, bis auf eine Ausnahme: Die Silberhochzeit. Denn die musste ja vorbereitet werden. Aber ansonsten hatte ich immer an so viele Dinge zu denken, dass für etwas Banales wie „Hochzeitstag“ kein Platz war.

Du liebst mich nicht“, erhielt ich stets als Reaktion darauf, was allerdings sehr ungerecht war, da ich ja die Dinge, die mich den Hochzeitstag vergessen ließen, aus Liebe zu ihr machte.

Vielleicht nicht immer, aber doch ganz schön oft.

Möglicherweise ist ja auch deshalb der Hochzeitstag eine Art Rotes Tuch für mich: Ich weiche ihm aus, weil er stets von Vorwürfen begleitet wird. Ungerechte. Und ungerechtfertigte. Denn dass ich sie liebe, habe ich mindestens schon tausendmal gesagt. Und manchmal kann ich’s sie sogar spüren lassen. Sie ist dann immer ganz erfüllt von unserem Sex. Das jedoch wird momentan seltener. Es liegt wohl am Älterwerden. Frauen sind so.

Nur wir Männer, wir werden reifer und überlegender. In den Fünfzigern hat sich bei uns Männern proportional so viel Weisheit angesammelt wie Kochrezepte bei den Frauen. Deshalb trag’ ich ihr auch nichts nach, das Essen ist ja auch wirklich lecker. 

Ein bisschen von dieser Weisheit wollte ich diesmal anwenden. Zum 28. Hochzeitstag. Seit 1986 liegt sie mir in den Ohren wegen eines Candlelight-Dinners. Ich fand das für unsere Verhältnisse immer ein wenig oversized. Was ist sowas schon gegen eine Bratwurst im Fussballstadion beispielsweise, oder so’n teurer saurer Schampanjer gegen ein sorgfältig gezapftes, kühles Helles. Aber diesmal sollte sie es kriegen. So quasi als Überraschung, und damit sie endlich Ruhe gibt. Außerdem hatte das eine recht praktische Komponente für mich, wollte aber auch gut geplant sein.

Schon einen Monat vor diesem besonderen Tag ging ich in den Yachtclub, der eine recht gute Restauration haben musste, wenn man die Preise der Speisenkarte so durchschaute. Ich reservierte einen kleinen Tisch direkt am großflächigen Terrassenfenster, aus dem man über die ganze Förde schauen konnte. Und richtiger Schampanjer sollte in einem Eiskübel auf dem Tisch stehen. Und Blumen. Am besten Butterblumen, die liebte sie so. Immer wenn wir mit dem Auto in der Natur unterwegs waren, machte sie mich auf die Butterblumenwiesen aufmerksam. Und da ich ein guter Zuhörer bin, wollte ich ihr auch diesen Wunsch erfüllen – selbst gegen den Widerstand des stirnrunzelnden Kellners. Es sollte ja schließlich „ihr“ Abend werden.

Mit der Taxizentrale sprach ich, um vielleicht einen besonderen Wagen für jenen Abend zu bekommen. Sie würde staunen. Und dann ließ ich mir von ihrem Friseur einen Gutschein aushändigen für Frisur, Fingernägelmachen, Peeling und sonstigen unsinnigen Kram.

Am Samstag, als es dann soweit war, konnte ich es kaum erwarten, bis sie mich mit dem Frühstück weckte. Und noch vor dem Zeitunglesen platzte ich heraus: „Schatz, heute habe ich eine Überraschung für dich. Unser heutiger Hochzeitstag soll ein unvergessliches Erlebnis werden. Wir gehen gleich in die Stadt, dir ein Kleid kaufen, und dann bekommst du heute abend dein Candlelight-Dinner!“

Ich war ziemlich stolz auf mich, dass ich sie noch dermaßen überraschen konnte. Nichtmal meine Sportberichte konnte ich richtig zuende lesen, da war sie schon mit dem Abwasch fertig und wollte „los“.

Im Kaufhaus dann fanden sich schöne Kleider. Ich musste sie zwar ein wenig bremsen, wegen der Kosten (man muss es beim Kauf eines Kleides für nur einen Abend ja nicht übertreiben), aber irgendwann hatten wir etwas festlich genuges gefunden. Dann brachte ich sie zum Frisör und gönnte mir während dieser Zeit einen Kinobesuch.

Es war schon ziemlich spät, als wir zu Hause eintrafen. In einer Stunde sollte das Auto kommen. Für meine Frau musste das purer Stress sein, ich selbst brauchte ja nur fünf Minuten. Aber frisiert war sie ja schon und geschminkt, da war also doch eine echte Chance da. Und tatsächlich: Zwei Minuten vor der Zeit kam sie aus dem Bad, voll angezogen und fertig gemacht. Sie wirkte zwar ein wenig älter in ihrem neuen Kleid, aber das war egal. Hauptsache glücklich!

Zu einem unverständlichen Bruch kam es danach. Erst schaute sie recht merkwürdig auf meine Stadionklamotten, die ich jedes Mal trug, wenn unser Verein zu Hause spielte, und als die Jungs vor der Tür hupten (das Timing war klasse, denn ihr Taxi kam auch gerade) und ich ihr das Geld fürs Essen in die Hand drücken wollte, schien sie fast in Tränen ausbrechen zu wollen – jedenfalls zitterte ihre Unterlippe so. Und dann fing sie an zu schreien…

Alles also wie üblich, nur ein bisschen lauter. Und das, obwohl sie nun doch alles hatte.

Trotzdem ließ ich mir meinen Abend nicht versauen. Wir gewannen 4:1, und von den Jungs verstand auch keiner, was sie nur wieder hatte. Es ist uns Männern wohl nicht gegeben, die Frauen zu verstehen…

 

Erinnern ist Fühlen

Ich muss schmunzeln darüber, dass mir beim Schreiben dieser Zeilen der Duft des Frühlings um die Nase weht. Der Blick durch das Fenster gibt den Blick auf Schneeflocken unter grauem Himmel wider. Jedoch, wenn ich die Augen schließe, meine ich die Vögel am blauen Himmel zu sehen, die Biene an meinem Ohr vorbei summen zu hören. Ich rieche den Duft frisch gemähten Grases und fühle zart die Knospen des Weidenkätzchens an meiner Fingerspitze streichen. Für einen Moment – einen kleinen Moment nur – ist Frühling in mir. Jetzt. Mitten im Winter. Doch so lange ich das Erinnern habe, wird er bleiben. Der Frühling. Der Sommer. Oder du …

Angst habe ich davor, das Erinnern zu verlieren. Denn damit hätte ich auch dich verloren. Oder den Sommer. Oder den Frühling …

Blind Date

                                                                              Als Mensch bist du faszinierend.
                                                                              
Als Frau begehrenswert …

Es war ein wunderbares Blind Date, gestern. Ich war sehr gespannt auf dich, weil dein Brief zuvor dich zwischen den Zeilen manchmal recht mädchenhaft darstellte. Dann deine Stimme am Telefon. Ich war sofort warm mit dir und hörte kaum, was du sagtest, sondern fast nur auf das Wie. Du sprachst sehr lebendig, manchmal ruhig und warm, manchmal fast lachend, voller Kraft und dann wieder sanft – ich fühlte mich wohl mit und in deiner Stimme.

Als wir uns dann gestern gegenüber standen, faszinierte es mich zunächst wie sehr deine Augen im Einklang mit deiner Stimme waren. Ja, so hatte ich sie mir vorgestellt. Innerlich grinsend musste ich registrieren, dass mein zweiter Blick dann deinen kleinen Brüsten galt.

Ein merkwürdiger Moment war das. Weder mit Distanz, noch mit Nähe zunächst. Mit den Augen fingst du an zu lächeln, dann strecktest du mir die Hand entgegen. “Komm,” sagtest du und zogst mich in das Restaurant an einen ruhigen Tisch. Es war mir absolut unmöglich, so geistvoll zu sein, wie ich’s mir vorher vorgenommen hatte. Mir fehlten Die Worte. Und du sagtest nix. Schautest mich nur an. Im Hintergrund war dein Blick abschätzend, konzentriert. Dann war es mir, als würdest du in meine Augen eintauchen wollen. Und dann die Erlösung: “Wollen wir was trinken?” fragtest du.

Von da an ging’s locker. Wir tauten beide auf und es wurde ein schöner Abend – mit viel Lachen, später tiefsinnige ruhige Gespräche und ganz später ein Gastwirt, der vor uns einen Stuhl auf den Tisch stellte.

Irgendwie passte es nicht, als ich dir zum Abschied nur die Hand gab. Deshalb umarmte ich dich, aber auch das passte irgendwie nicht so richtig. Verlegen gingen wir auseinander.

Als ich dann heute aufwachte, musste ich lachen. Über mich, aber auch über dich. Darüber, wie blöd ich dir manchmal vorgekommen sein musste, und darüber wie schön es mit dir war. Schade, dass ich es dir nicht sagen konnte. Ich hatte ja deine Telefonnummer nicht.

Ich hatte ein leichtes Kribbeln im Bauch, als ich ins Bad ging, um mich zu rasieren. Ich schnitt Grimassen im Spiegel, pfiff den Radetzky-Marsch, pupste ausgelassen und lachte wieder. Ich konnte mich selbst nicht ernst nehmen mit dem ganzen Schaum im Gesicht.

Glücklicherweise war dann der Kaffee fertig. Ich verzichtete auf den Toast, setzte mich mit dem Becher an den Küchentisch und begann zu sinnieren, wie ich es nannte. Mit anderen Worten stierte ich vor mich hin – mal nachdenklich, blickend, mal blöde grinsend, aber ansonsten recht zufrieden mit meinem Leben. Außerdem war’s Sonntag, ich konnte es mir leisten.

Das Telefon unterbrach mich dann. Mutti rief an jedem Sonntagmorgen an, und ich meldete mich so fröhlich wie immer, damit sie wusste, dass es mir gut geht. Aber es blieb stumm in der Leitung. Nur Sekunden. Aber ich hörte ein Atmen und dann deine Stimme: “Ich bin’s,” ein wenig gepresst und verhalten. “Halloooo…” atmete ich aus, und mein Bauch wurde hart.

Es war schön gestern…,” leise und weich. Da war es wieder, diese Mädchenhafte, das fast wie Unsicherheit wirkte. Es zeigte dich sehr verletzbar.

Ja,” musste ich lächeln, “das war’s wirklich.”

Schweigen. Und atmen.

“… aber wir sind nicht fertig geworden gestern,” fügte ich dann hinzu.

Nein?” Jetzt spürte ich dein Lächeln und ich erinnerte mich deiner Augen. “Was möchtest du denn noch tun?”

Ich sag’s dir nicht,” antwortete ich schmunzelnd, wobei ich selbst so gar keine Idee hatte, was ich damit hätte gemeint haben können.

Aber es war wieder da, unser Lachen. Und unser Reden. Und du.

Erst nach Stunden – ich fühlte mich mittlerweile richtiggehend erschöpft – legten wir auf. Deine Nummer stand auf meinem Telefonblock, deine Adresse hatte ich, und um sieben gab’s Abendessen bei dir…

Ich war pünktlich. Unterwegs hätte ich eigentlich noch Blumen besorgen sollen, aber als ich auf dem Bahnhof war, schien mir das denn doch zu “schlicht”. In der Drogerie kaufte ich dir einen wunderbaren Badezusatz von Shiseido, und einem Impuls folgend ein Fläschchen Massageöl. Erst unterwegs fiel mir dann ein, dass ich ja gar nicht wusste, ob du überhaupt eine Badewanne hast.

Die Treppen in den zweiten Stock nahm ich zu Fuß, der Fahrstuhl war viel zu langsam. So atmete ich etwas schwerer, als du mir in der geöffneten Wohnungstüre gegenüber standest. Ich freute mich sehr, als ich dich sah. Obwohl dein Blick mich dann wieder einbremste. Schon wie gestern signalisierte er mir warme Distanz. Heute allerdings etwas wärmer, wie mir schien. Du tratest auch nicht zur Seite, um mich herein zu lassen, sondern schautest mich weiter an, als ich auf dich zu kam, und so nahm ich dich in den Arm.

Nur eine kurze Umarmung war es, aber diesmal “passte” es. Ich sah das Lächeln in deinen Augenwinkeln, und wir gingen hinein.

Der Tisch war wunderbar gedeckt. Teller, funkelndes Besteck, glänzende Gläser, zwei Kerzen und ein Flasche Wein. Nur keine Blumen – innerlich trat ich mir in den A…

Und wieder dein Blick. Ruhig und offen, mit dem typischen warmen Lächeln in den Winkeln, und ein wenig fragend.

Deine Freude war offensichtlich, als du den Badezusatz auspacktest (inständig hoffte ich nun, dass du tatsächlich eine Badewanne hast). Du stelltest das Fläschchen vor dein Gedeck und dann fragtest du mich: “Machst du schon mal den Wein auf?”

Es war lecker, was du auftischtest. Doch obwohl wir uns Zeit ließen mit dem Essen und dabei viel redeten, konnte ich es nicht richtig genießen. Viel zu sehr war ich mit dir beschäftigt, achtete auf deine Sprache, deine Gestik, deine Bewegungen und deine Ausstrahlung. Außerdem bohrte noch deine unausgesprochene Frage in mir.

Ich bewunderte dich. Du hattest ein offenes Wesen, viel Gefühl und du strahltest wieder sehr viel Kraft aus. Ich freute mich sehr darüber, dass ich beginnen konnte, mit dir zu “spielen” – ich konnte dich zum Lachen bringen, ins Denken führen oder ins Spüren, und ich war sicher, dass du auch Neckereien mit Freuden annehmen würdest. Aber dafür war’s nicht die Zeit, zwischen uns war einfach zuviel Ruhe.

Gemeinsam brachten wir das Geschirr in die Küche. Ich nahm dein Angebot eines Cappuccinos gerne an, und dann saßen wir uns wieder am Wohnzimmertisch gegenüber.

Durch die Kerzen hindurch sah ich deine Augen schmunzeln – so, als würdest du dich wohl fühlen. Wahrscheinlich strahlte ich dich genauso an. Und dann kam irgendwann deine Frage. Leider nicht, die, über die ich mir gerade soviel Gedanken machte, sondern: “Du hast meine Frage von heute morgen immer noch nicht beantwortet: Was möchtest du tun?”

Ich zögerte, die Antwort war sie verdammt schwer. Aber deine Augen warteten, und so antwortete ich nach kurzem Zögern: “Ich möchte mit dir schlafen.”

Du schienst nicht überrascht. Allerdings sah ich auch kein Zeichen von Begeisterung. Und ich hörte kein Wort. Da war nur dein immerwährender Blick.

Dann erhobst du dich, lächeltest warm und sagtest wieder – wie gestern – ganz schlicht “Komm.” Dabei strecktest du mir deine Hand entgegen. Und dann standen wir vor deinem Bett.

Eine merkwürdige Situation. Vor mir eine Frau, die ich begehrte, daneben einladend ihr Bett – und doch konnte ich sie nicht in den Arm nehmen, geschweige denn endlich küssen. Es ging nicht! Ihre Augen standen irgendwie immer zwischen uns.

Obwohl du aufschauen musstest zu mit hatte ich nie das Gefühl, ich müsste hinabschauen zu dir. Eher empfand ich das Gegenteil. Im Ansatz amüsierte mich das, obwohl ich ein wenig unsicher war. Dann kam erneut die Frage aus deinem festen Blick: “Was möchtest du tun?”

Keine Ahnung, warum ich das sagte, aber ich riskierte es: Ich möchte deine Hände binden…”.

Wieder ein langer Blick, und dann ein lang gezogenes “Okeeeeeeh…”

Ich war sehr überrascht. Zunächst von mir selbst. Und dann von deiner Antwort darauf.

Ich lächelte vor Erleichterung und bat “Warte…”, ging hinaus, um das Massageöl zu holen und dann ins Bad (Gottseidank, eine Badewanne), um nach einem Frotteehandtuch zu schauen, das ich dann leider in Streifen reißen musste.

Als ich zurückkehret, standest du immer noch so da, unverändert. Ich konnte nicht anders, als dich anzulächeln. Strahlend wahrscheinlich.

Ziehst du dich aus?” fragte ich und begann, langsam mein Hemd aufzuknöpfen. Ich sah dir dabei zu, wie du aus deiner Bluse schlüpftest, aus der Jeans. Und als ich selbst aus der Hose schlüpfte, öffnetest du schon deinen BH, stiegst aus dem Slip – ohne jedoch den Blick von mir zu wenden.

Dann standen wir uns nackt gegenüber. Wieder mit deinen Augen dazwischen und deren tiefem, unergründlichen Blick. Es war nichts Peinliches in dieser Situation. Ich genoss es sogar, deinen Körper betrachten zu können. Die weiche Haut, sanfte Rundungen, nicht zu große Brüste…

Und dann war die Reihe an mir. Ich sagte “Komm”, reichte dir meine Hand, führte dich zum Bett, auf das du dich dann legtest. Während der ganzen Zeit ließ dein Blick mich nicht los. Auch nicht, als ich deine Hände ans Kopfteil des Bettes band.

Ruhig lagst du da, aber dein Körper schien wie ein Brett, die Beine zusammengedrückt. Ich kniete mich neben dich, legte die rechte Hand auf deinen Bauch (und hoffte inständig, dass sie dir heiß vorkommen möge). Mit der linken Hand strich ich dir eine Haarsträhne aus der Stirn, schaute dich – immer noch lächelnd – an, nahm kurz deine Wange in meine Hand und küsste dich dann mit all meiner Zärtlichkeit auf eine deiner Brustwarzen.

Ich ließ dich nur die Lippen spüren, nicht die Zunge, und spürte dann unter meiner rechten Hand, wie sich dein Bauch ein wenig entspannte. Als ich mich erhob, waren deine Augen zunächst geschlossen, dein Mund schien weich.

Ich griff zum Massageöl, wärmte es ein wenig an, indem ich es in den Händen rieb, und begann dann auf deinem Bauch, es über den Körper zu verteilen. Ich war großzügig mit dem Öl, um meine Hände richtig gleiten lassen zu können. Fest spürtest du sie auf deinem Bauch, etwas leichter auf Unterbauch und Brüsten, ganz leicht auf Schultern und Hals. Bald begann dein Kopf sich leicht im Rhythmus meines Massierens zu bewegen, dein Atem, der bisher zuweilen stoßweise kam, wurde ruhiger und gleichmäßiger, und auch dein Bauch wurde weicher. Ich sagte nichts, ließ dich nur meine Hände spüren.

Nach einiger Zeit war das Öl fast eingezogen, das leichte Massieren an der Grenze zum Reiben. Noch einmal griff ich zum Öl, um es auf deine Beine zu streichen. Zunächst verteilte ich es bis zu den Füssen hinab und vergaß auch nicht die Zwischenräume deiner Zehen, doch dann konzentrierte ich mich zunehmend auf deine Schenkel. Auch sie schienen weicher geworden zu sein, und auf meinen Druck hin nahmst du sie etwas auseinander. So konnte ich dich auch innen streicheln, jedoch hütete ich mich davor, deine Scham zu berühren. Keine Frage, ich hätt’s gern getan – und vielleicht hätte ich es auch “wagen” können, denn zunehmend kamst du mir entgegen, atmetest tiefer, wenn meine Hände ihr näher kamen.

Bald war auch diese Portion Öls verbraucht. Ich nahm nichts neues, doch als ich fertig war, beugte ich mich noch einmal vor und küsste dich zwischen die Beine.

Dann ließ ich dich einen Moment ausruhen und löste die Fesselung.

Deine Augen blieben danach geschlossen. Noch einmal betrachtete ich dein Gesicht, dann erhob ich mich und ging ins Wohnzimmer.

Der Wein stand noch auf dem Tisch. Ich setzte mich auf meinen Stuhl, schenkte mir ein Glas Wasser zum Wein ein und verharrte dann im kerzenschimmernden Halbdunkel, um das eben erlebte sacken zu lassen. Da war nicht der kleinste Eindruck eines Fehls, obwohl ich mir das vorher alles irgendwie anders vorgestellt hatte, Es war einfach gut so, wie es war.

Kurz darauf hörte ich deine nackten Füße über den Dielenboden tapsen, dann spürte ich deine Hand leicht auf meiner Schulter. Ich schaute kurz auf zu dir, dann legte ich meinen Arm um deinen Po und meinen Kopf an deinen Bauch. So blieben wir dann einige Zeit.

Wir hatten kein Wort gewechselt als ich dann aufstand. Ich ging ins Schlafzimmer, zog mich an, wusch dann erst meine noch leicht öligen Hände im Badezimmer. Und als ich den dunklen Flur betrat, kamst du – immer noch nackt – aus dem dämmerigen Wohnzimmer auf mich zu.

Jetzt konnten wir uns wie selbstverständlich umarmen. Und wir hielten uns auch aneinander fest, eine Ganze Zeit. Dann ein letztes Lächeln, ein letzter Blick, und ich ging. Seit dem Bett hatten wir nicht mehr miteinander gesprochen, und ich hatte doch das Gefühl, wir hätten viel miteinander geredet. Mit einem glücklichen Gefühl trabte ich die Treppe hinab zur Haustür.

Als ich am Montag erwachte, war es warm in mir. Irgendwie warst du um mich herum. Ich erinnerte mich deiner Augen (wer könnte die vergessen), deiner Art und deines Duftes. Du schienst mir Aura mitgegeben zu haben, die selbst im Büro nicht abriss. Ich hatte zwar so gar keine Ahnung, wann wir uns wieder sehen würden, aber ich wusste, du warst “da”. Ich spürte dich mit einer Kraft, die mich den ganzen Tag beflügelte. Nur in der Mittagspause – ich hatte mir eine ruhige Bank im Park gesucht – gingen meine Gedanken weg von diesem Gefühl und ich fragte mich, wie du wohl fühlen würdest, was du gerade tatest und wie es dir ging. Und ich freute mich auf heute abend. Ich würde früher ins Bett gehen, dich dann anzurufen, und mit deiner Stimme im Ohr einschlafen. Und, wünschte ich mir, von dir träumen …

Schnell hatte ich nach Feierabend meine paar Einkäufe erledigt. In der Küche stand noch der Abwasch der letzten Tage, den ich gern in Angriff nahm, weil ich dabei an dich denken konnte. Dann machte ich mir ein Wurstbrot, nahm ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte mich ins Wohnzimmer, um die Tagesschau zu sehen. Nur kurz kam mir die Idee, dich jetzt schon anzurufen. Aber dann wollte ich auch dir ausreichend Zeit geben, dich ein wenig zu entspannen und dich zu finden.

Als es an der Wohnungstür klingelte, dachte ich sogleich an Peter. Der kam oft Montags vorbei, um sich beim Backgammon ein paar Euro zu verdienen. Aber diesmal standest du vor der Tür.

Ich war überrascht und voller Freude gleichzeitig. Fraulich sahst du aus, im Rock heute, mit gelber Bluse. Ganz anders als gestern in Hose und leichtem Pullover. Ich musste grinsen über mein verhaltenes, erschrockenes Hallo. Doch dann reagierte ich wie üblich, streckte dir die Hand entgegen und sagte “Komm”. Dabei musste ich diesmal allerdings grinsen, und ich fühlte mich wie ein kleiner Junge vor der Bescherung.

Dein Blick war anders heute. Tief wie gehabt, aber diesmal wirkten deine Augen feucht und lachend, so, als würden sie strahlen. Und diesmal war unsere Umarmung wunderbar. Fest, wie auch gestern schon zum Abschied, aber ich hatte nicht mehr das Gefühl, dich zu halten. Ich konnte dich spüren, anfassen, und dein Körper drückte sich gegen den meinen – und nicht nur in meinen Arm. Du hattest gebadet, musste ich innerlich mal wieder grinsen – freute mich aber darüber, als ich das Shiseido roch.

Meine Hände berührten dich am Rücken überall, und wir waren beide recht atemlos durch diese Umarmung, als du sagtest: “Ich habe heut’ kein Höschen an…”.

Jetzt ging’s nicht anders, ich musste dich küssen.

Dieser erste Kuss entsprach zunächst unserer Umarmung. Er war nicht direkt zärtlich, eher “lebendig”, und mit zunehmender Länge wurde er leidenschaftlicher, meine Hände “beweglicher”. Ertasteten sie nach dem Rücken erst den Po und hielten dann beide Backen richtig fest, begaben sie sich dann auf Wanderschaft, und die rechte Hand glitt alsbald unter deinen Rock und zwischen deine Beine. Du stöhntest auf in meinem Mund, und ich stöhnte auf in deinem. Fest presstest du dich an meinen Körper und kamst gleichzeitig meiner Hand entgegen. Es war wunderbar, dich so feucht, so lebendig und so offen gleichzeitig zu spüren und zu fühlen.

Komm”, nuschelte ich mit vollem Mund, und du hängtest dich an meinen Hals und presstest deine Beine an meine Seiten. So trug ich dich ins Schlafzimmer.

Mit dem Auskleiden war’s schwierig. Diesmal waren nicht deine Augen im Weg, sondern unser Kuss, der nie zu enden sollen schien. Doch wir schafften das und fielen eng umschlungen aufs Bett.

Ich genoss dich mit jeder Phase meines Körpers. Und ich fühle, es ging dir ebenso. Das steigerte meine Lust, die sowieso schon lange für dich offenbar war.

Wir wälzten uns auf dem Bett mal in die eine, mal in die andere Richtung. Es war unruhig genug, um mich daran zu hindern, in dich einzudringen. Dabei hätte ich nichts lieber getan jetzt. Für ein paar Momente war’s so, als würdest du mit mir spielen, weil du begannst, mir auszuweichen. Dann sah ich dein Gesicht vor mir. Es war erhitztes Lachen.

Ich wollte dich wieder an mich ziehen, aber du richtetest dich auf. “Leg dich auf den Rücken.”

Und als du dich auf mich hocktest und mich langsam in dich aufnahmst, kam wieder ein langer Blick. Voller Zärtlichkeit, voller Liebe und voller Lachen war er, als du dich langsam über mich stülptest. Dein Mund übernahm das Lächeln, als du dann die Augen schlossest und mit ruhigen, gleichmäßig kreisenden Bewegungen auf mir rittest.

Weihnachten kommt immer ganz plötzlich

25. Dezember
 „Uff,“ der erste Weihnachtstag. Jetzt kann ich mich ein wenig zurück lehnen. Mein Blick schweift über die Berge von Geschenken, den Weihnachtsbaum und durch das geschmückte Zimmer. „Gut gemacht, Mann! Mal wieder alles geschafft,“ lobe ich mich selbst. Obwohl … ein wenig eng war`s zum Schluss ja doch. Weihnachten kommt immer so plötzlich! Im nächsten Jahr jedenfalls werde ich alles anders machen und rechtzeitig mit den Weihnachtsvorbereitungen beginnen.

26. Dezember           
Ein wenig belustigt es mich schon, bereits jetzt mit den ersten Gedanken beim nächsten Weihnachtsfest zu sein. Aber besser zu früh als zu spät. Weihnachten kommt zwar immer plötzlich, aber im nächsten Jahr bin ich cleverer!

1. Januar
Vieles habe ich mir vorgenommen für das neue Jahr. Dabei weiß ich genau, dass die meisten Vorsätze in 14 Tagen schon vergessen sind. Aber Weihnachten… Jaaaa, das hab’ ich ganz fest im Kopf. Nur noch 348 Tage. Normalerweise kommt Weihnachten nämlich immer ganz plötzlich.

7. Februar
Mein Geburtstag. Geschenke. Und ein willkommener Anlass, sich schon jetzt über die Weihnachtsgeschenke einen Kopp zu machen. Weihnachten kommt nämlich immer ganz plötzlich. Aber nicht bei mir! Ich hab’ mir ein Buch gewünscht zum Thema Geschenke. Ein Tipp daraus: Schon das ganze Jahr zuhören, was die Lieben sich so wünschen. Und das denn auch beizeiten kaufen. Dann hat man was. Ich werd’ was haben!

3. März
Der Geburtstag meiner Mutter. So ganz hat das noch nicht geklappt mit dem „Zuhören“ und damit, rechtzeitig das passende Geschenk zu besorgen – meine Schwester musste einspringen. Aber ich bin ja auch noch Anfänger. Immerhin weiß ich schon von dem Phänomen, dass Weihnachten immer ganz plötzlich kommt.

7. April
Ich find’s irgendwie cool, zwischen den Ostervorbereitungen schon an die Weihnachtsgeschenke zu denken. Meistens kommt Weihnachten nämlich ganz plötzlich. Und die Menschen, die meine Weitsicht nicht haben, werden am Heiligen Abend ganz schön belämmert da stehen. Oder gestresst.

28. Mai
Das Pfingstwochenende hat uns mit wärmendem Sonnenschein hinaus gelockt. Bei einem Spaziergang mit meiner Frau ertappe ich mich im Denken an das nächste Weihnachtsfest. Während sie über die Planung des Sommerurlaubs redet, freue ich mich insgeheim darüber, wie überrascht sie in diesem Jahr über die Weihnachtsgeschenke sein wird. Sie soll ja alles kriegen, was sie sich wünscht. Das bedarf zwar auch einiger Planung, aber die muss sein. Denn Weihnachten kommt immer ganz plötzlich.

24. Juni
Ein herrlicher Strandtag. Während die Kinder im Wasser toben, meine Herzallerliebste ihre Hera Lind verschlingt und meine Haut sich langsam rötet, stelle ich mir vor, wie beglückt die Familie in einem halben Jahr zu mir herüber schauen wird. Das ist ein gutes Gefühl; es bestärkt mich darin, dass Vorfreude doch die schönste Freude ist. Und die wird nur noch verstärkt durch das Wissen um das kleine Geheimnis, dass Weihnachten immer ganz plötzlich kommt.

18. Juni
Komisch, durch den Sommerurlaub ist man doch ziemlich weit weg vom Thema Weihnachten. Aber ich denke, das macht nix. Eine Auszeit muss auch mal sein. Schließlich denke ich ja schon das ganze Jahr an Weihnachten. Es genügt wohl, wenn ich die eherne Lebensregel nicht vergesse: Weihnachten kommt immer ganz plötzlich!

21. August
Die Tage werden langsam wieder kühler und kürzer. Ich denke mit Schaudern an die kommende dunkle Jahreszeit und daran, dass in wenigen Wochen schon die ersten Weihnachtsleckereien in den Regalen der Supermärkte auftauchen werden. Wie immer viel zu früh. Andererseits … lieber zu früh als zu spät. Wenn man bedenkt, dass Weihnachten immer ganz plötzlich kommt …

30. September
Tatsächlich bin ich beim Einkaufen an den ersten Schokoladen-Weihnachtsmännern vorbei gelaufen. Nun gut! Ich werde mich also auch langsam auf Weihnachten konzentrieren. Ehrlich gesagt habe ich noch nicht die leiseste Idee, aber ich weiß ja, wie man damit umgeht und wie man es umgeht, dass Weihnachten immer ganz plötzlich kommt.

12. Oktober
Mit meinem Ältesten war ich in der Stadt. Da hat’s das erste Mal geklappt mit dem Zuhören. Er wünscht sich ein Moped. Und eine Stereoanlage. Eine Spielekonsole, einen Computer, einen Fernseher mit DVD… Womöglich habe ich noch nicht richtig zugehört. Es ist ja auch noch Zeit. Obwohl: Weihnachten kommt ja immer ganz plötzlich. Aber schon mehr als nur ein Anfang ist schließlich gemacht.

9. November
Jetzt bin ich in der richtigen Stimmung! Ich hab’ die Winterreifen aufgezogen – der Schnee kann kommen. Und der Kofferraum ist sauber, die alte Pferdedecke liegt drin. So ist der Transport des Weihnachtsbaumes schon jetzt, selbst bei widrigen Wetterverhältnissen, kein Problem mehr. Es tut gut, sich zeitig auf Weihnachten vorzubereiten. Ich kann’s mir also erlauben, mit Häme an jene Zeitgenossen zu denken, für die Weihnachten immer ganz plötzlich kommt.

12. Dezember
Nun wird’s aber langsam Zeit. Irgendwie hat das mit dem Zuhören immer noch nicht so richtig hingehauen. Ich werd’s also ein letztes Mal mit einem behutsamen „Sag’ mal, was wünscht du dir eigentlich?“ versuchen. Man muss ja nicht alles auf Anhieb beherrschen. Im Grunde bin ich sogar dankbar, dass ich auch im nächsten Jahr noch wachsen kann. Immerhin habe ich verinnerlicht, dass Weihnachten immer ganz plötzlich kommt, und halte das für einen eminent wichtigen Schritt dorthin, meine Einstellung zum Weihnachtsfest zu überdenken. Diese Erfahrung darf nicht jeder machen.

24. Dezember
Die „Bestandsaufnahme“ am gestrigen Abend war verheerend. Ich hätte schwören können, dass meine Frau absprachegemäß die Geschenke für meine Eltern zu besorgen hätte, wohingegen sie der Meinung war, ich hätte das in die Hand genommen. Und für die Jungs fehlen auch noch ein paar Kleinigkeiten. Dabei wollte ich mir diesen Weihnachtseinkaufsstress heute ersparen und nur noch schnell etwas für meine Herzallerliebste besorgen. Bisher bin ich dazu nämlich noch gar nicht gekommen, Weihnachten kommt aber wirklich immer ganz plötzlich. Und dann machen heute auch noch die Geschäfte so früh zu – verbraucherfeindlich, wie die Öffnungszeiten sind. Naja, bis 14 Uhr hab’ ich ja. Und das Parfüm kann ich ja einpacken lassen. Es ist ja eh’ teuer genug, und so spare ich ein wenig Zeit dafür, den Weihnachtsbaum noch zu besorgen.

In diesem Jahr kam Weihnachten wirklich etwas plötzlich. Ich weiß, ich krieg’s irgendwie wieder hin. Aber im nächsten Jahr mach’ ich das so nicht mehr mit!

Ich nicht!